Ich gehe eigentlich ganz gerne ins Kino. Weniger, weil ich es toll finde, mir lautes Gequassel oder das Rascheln von Popcorn-Tüten mir anzuhören, sondern weil ich manchmal das Gefühl habe, dass es dann doch einen Film gibt, der es verdient im Großformat angesehen zu werden, oder der zumindest davon gewinnt. Freilich könnte ich mir auch das Geld für einen Beamer zusammensparen, am Ton solls sowieso nicht mangeln; meine mittleren Ansprüche sind bereits befriedigt und der Ton ist in den Kinos, die ich besuche, in der Regel sowieso beschämend schlecht eingeregelt. Aber dann gibt es da Filme, von denen bereits im Vorfeld gewisse Gerüchte umher gehen. Seien es Rezensionen, oder das, was Freunde andeuten. Filme, die man dann sehen möchte, und Filme, die man schnell sehen möchte.
Dieses Mal war es ein Thriller. Nunja, es ist meistens ein Thriller, wenn ich darauf anspringe, einfach mein Lieblingsgenre. Eines, bei dem ich heute sogar bereit war, zum ersten Mal seit Jahren, überhaupt alleine ins Kino zu gehen, weil sich auf die schnelle niemand fand, der bereit gewesen wäre, mitzukommen und ich dennoch diesen Film einfach sehen wollte. Und, ich muss zugeben, obwohl alleine ins Kino zu gehen uncool ist und es doch ein merkwürdiges Gefühl ist (ich hätte mir doch einen nicht blöden Spruch ausdenken sollen, mit der ich die hübsche Brunette rechts neben mir hätte ansprechen können), ich bereue es nicht...
Das Thriller-Genre ist ein unglaublich vielfältiges. Es gibt gute Thriller, schlechte Thriller, Thriller mit Happy-End, Thriller die einen verstörend zurücklassen, Thriller, die einen vollkommen amüsieren, welche, die man nur ein einziges mal sehen „kann“ und solche, die man mehrfach sehen „muss“. Doch eines hatten sie bisher allesamt gemein: die wenigsten kamen aus Europa, und aus Deutschland praktisch gar keine (zumindest nicht die Sorte, die nicht unter einer typisch deutschen Melancholie leidet. Vielleicht wäre auch geholfen,
ihn sowas nicht spielen zu lassen).
Ich habe Filme gesehen, europäische, oft genug französische, die mir Hoffnung machten, die mir Spaß machten. Aber ein Film, wie
„The International“ hätte ich dann doch nicht so schnell erwartet. Gut, es ist kein
deutscher Film, aber er wurde von einem deutschen
Regisseur gedreht. Einem Regisseur, den man IMHO vielleicht noch ein bisschen unterschätzt. Den Kritikern und dem Publikum gefiel „Lola rennt“, „Das Parfum“ gefiel ersteren dann schon wieder nicht mehr (mir zwar auch nicht, aber dem Publikum). Aber das ist ein Regisseur, der sein Handwerk versteht, einem schöne Bilder zeigt, offensichtlich tolle Schauspieler überzeugen kann, in seinen Filmen mitzuspielen und etwas mehr Qualität fabriziert, als ein anderer deutscher Regisseur in Hollywood, der sich u.a. für amerikanischen
(Anti-?)Alien-Patriotismus in den 90'ern des vergangenen Jahrhunderts zuständig fühlte.
„The International“ ist genau die Art von Film, die ich mir gerne anschaue. Tolle Bilder, gute Schauspieler, eine ansprechende Story, die zwar zugegebenermaßen nicht herausragend ist, aber dennoch sehr solide funktioniert, moderate Action und keine allzu unbefriedigenden, da absurdesten Wendungen, die die Geschichte nimmt. Wem Jason Bourne zu fetzig war, aber diese Art von Film mag, und es genießt, wenn solche Filme nicht nur in Washington, New York, L.A. spielen, sondern auch mal Berlin, Luxembourg, Mailand u.a. nicht amerikanisch durchweichte Metropolen zu sehen sind, der sollte diesen Film nicht verpassen. Ich wünsche mir mehr solche „europäischen Filme“. Während Europa sich sonst meist nur aufs Programmkino beschränkt sind das die Chancen, in denen man sich spannende Ideen von den Amerikanern abgucken kann und mit bewährten europäischen Stilmitteln neu verfilmen kann. Das gefällt mir, und — wie nach der Lektüre eines guten Buches — davon möchte ich gerne mehr.
Die Kritiken, die ich meist nur am Rande mitbekommen habe, greifen zwar die Parallelen zwischen der Geschichte des Filmes und der momentanen Situation in der Finanzwelt zwar durchaus auf, sind aber oftmals unzufrieden, da der Film dann doch keinen direkten Bezug nimmt. Fair ist das nicht, ist der Film doch im Wesentlichen vor dem Zusammenbrechen des weltweiten Finanzmarktes entstanden und hat nur rein fiktionale Ansprüche (alles andere wäre wohl unangemessen und würde auch nicht zur Geschichte passen). Dennoch hat er momentan dann doch eine kleine politische Dimension.
Denn dieser Film hat in mir noch viel mehr als bisher die Frage hochkommen lassen, warum ich den Menschen, die unser weltweites Finanzsystem an die Wand gefahren haben, tatsächlich trauen soll? Woran erkenne ich diejenigen, die integre Absichten haben, wenn sie fordern, dass man „nicht an der (sozialen?) Marktwirtschaft zweifeln darf“ und woran erkenne ich die anderen, die das System ausgenutzt haben und ausnutzen, zu ihrem eigenen Vorteil, ohne Rücksicht auf die Folgen ihres Handelns? Es gibt mit Sicherheit gute Argumente, „warum wir in Deutschland an der sozialen Marktwirtschaft festhalten müssen“ wie ich es immer wieder von Politikern aus FDP und CxU höre. Jedoch hat sie mir bisher noch keiner nachvollziehbar dargelegt. Und keiner scheint eine Revision dieses Systems zu verlangen, ich höre keine lauten Stimmen, die die Schwachstellen dieses Systems auffinden und stopfen wollen. Und soetwas macht mich nach dem Sehen dieses Filmes irgendwie misstrauisch.
Zugegeben, aus dem linken Spektrum habe ich keine echten Lösungen bisher vernehmen können, was geändert werden müsste, damit wir das System zukunftsfähig machen. Vielleicht bekomme ich von klugen Leuten von dort aber auch nichts mit. Auch wenn all dies im Grunde nichts mit diesem Film zu tun hat, langsam begreife ich, dass Konsequenzen zu ziehen sind. Und diese Erkenntnis habe ich durch einen Film gewonnen, der eigentlich unpolitisch ist, ein Thriller ist, spannend ist, viel Spaß macht und toll umgesetzt wurde.